Samstag, Dezember 14, 2019
Arsch huh, Zäng ussenander!

Nedim Hazar – zurück in Köln mit “Die Mampen”

Am 30. April 2019 findet in der Volksbühne am Rudolfplatz eine besondere Premiere statt. Der Musiker Nedim Hazar tritt in Köln auf. Hazar hatte 1992 wesentlichen Anteil an der Entstehung von Arsch huh. Nach langem Aufenthalt in Istanbul kehrte er nun mit seiner Frau wieder ins Rheinland zurück. Seine Musikrevue

„Die Mampen – Lieder und Geschichten im Transit‟
hat am 30. April 2019, 19.30 Uhr in der
Volksbühne am Rudolfplatz Premiere.

Und nicht nur das: Dort treten erstmalig drei Generationen türkisch-stämmiger Kölner Musiker gemeinsam auf: Der 81-jährige Metin Türköz, Mitglieder von Yarinistan und Eko Fresh.

Die_MampenDie Mampen? In den 30er Jahren nannten sich in Berlin Kinder aus jüdischen und nicht-jüdischen Ehen „Mampen“, frei nach dem Cocktail-Mix-Getränk „Mampe Halb und Halb“. Ihr Musikrepe!oire besteht aus Liedern, die bei der Flucht, auf Reisen
oder in der Ferne geschrieben oder gesungen wurden und werden,  eben „Lieder und Geschichten im Transit“. Musik, Theater und Kabarett vom Feinsten auf Deutsch, Englisch, Jiddisch, Türkisch, Griechisch, Kurdisch, Italienisch, Arabisch und Spanisch.

Die Mampen vom Rheinland knüpfen nun an diese Tradition an: Sänger und Schauspieler Nedim Hazar (Ruhrfestspiele, Yarinistan, WDR), Schlagzeuger Klaus Mages (Trio Rio, Rainbirds, Gerd Köster) und Klarinettist Alessandro Palmitessa
(Menschen-Sinfonieorchester Köln) machen Hard-Core-Multikulti-Musik: Rock’n’roll und Rembetiko, Calypso und Klezmer, algerische Chaabi und türkischeSchnulzen, Tom Waits und Giorgio Gaber. Sie spielen bekannte Hits – von „La Paloma“ bis hin zu „Coconut Woman“, von „Üsküdara Giderken“ bis „Va Pensiero“. Dabei erzählen sie die Geschichten der Songs und Ihrer Interpreten, unglaubliche aber wahre Geschichten, teils urkomisch, teils zum Weinen.

Aktuelles Video: https://www.facebook.com/diemampen/videos/1383287311813848/
www.die-mampen.de
facebook.com/diemampen

Rolf Lamers erinnert sich:

„1992, unzählige rechtsextreme Übergriffe auf Asylantenheime wurden Teil der täglichen Berichterstattung in den Medien. Ich möchte hier nur ein Beispiel anführen. Wir alle haben bis heute die Bilder von den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen zwischen dem 22. und 26. August 1992 vor Augen. Hunderte Randalierer griffen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber mit Molotowcocktails an, während tausende Zuschauer applaudierten, und gleichzeitig Polizei und Feuerwehr behinderten. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen zog sich die Polizei zeitweise völlig zurück und überließ die Menschen in dem brennenden Haus ihrem Schicksal. Bilder, die um die Welt gingen. Das Bild des hässlichen Deutschen war wieder aufgeflammt.

Meine Frau, Anke Schweitzer, und ich saßen geschockt vor dem Fernseher, und wir waren sprachlos, aber auch ebenso ratlos, hilflos, ja machtlos. Und dieser Terror hörte nicht auf. Bis zum Spätsommer waren bereits 19 Menschen von Rechtsradikalen ermordet worden, Ende 1992 waren es 34, und 1993 sogar 44 Todesopfer; beide Jahre bis heute traurige Anführer einer fürchterlichen Bilanz.

Am 13. Oktober 1992 hatte Anke Nedim Hazar zu uns eingeladen, den Sänger der Türkisch-Deutschen Band Yarinistan, mit der sie einige Jahre durch viele Länder Europas und Mittelasiens getourt war, und deren Produzent ich war. Die Band hatte sich leider bereits aufgelöst, aber wir wollten uns wiedersehen. Eigentlich war es ein netter entspannter Abend, bis das Thema `Übergriffe auf ausländische Mitbürger´ auf den Tisch kam. Vorweg, Nedim hat die deutsche Staatsbürgerschaft.

Ab dann wurde es sehr ernst, denn die Angst bekam plötzlich ein Gesicht. Nedim sagte uns, dass er ernsthaft überlege, in die Türkei zu gehen, da er sich in Deutschland nicht mehr sicher fühle. Die Tatsache, dass allein sein türkisches Aussehen ausreicht, um von Rechtsradikalen erschlagen zu werden, bereitete ihm nicht nur Unbehagen, sondern regelrecht Angst. Diese Angst und das Ensetzen unseres Feundes zu sehen, berührte und schmerzte uns sehr. An diesem Abend gingen wir traurigen Herzens auseinander. Anke und ich saßen noch lange zusammen und waren der Meinung, das kann doch nicht so weiter gehen.
Muss man das hinnehmen? Kann man nichts dagegen tun?

Für den nächsten Tag, und das war eigentlich ein sehr glücklicher Zufall, hatten wir eine Einladung zu einer EMI Party anlässlich des 10-jährigen Bestehens des Musikclubs Luxor. Wir wussten, es würden viele Musiker-Kollegen da sein und wir beschlossen, sie anzusprechen und zu überlegen, was wir gemeinsam auf die Beine stellen können.

Am darauffolgenden Abend im Luxor haben wir dann mit einigen Musikern gesprochen, und vor allem mit Karl-Heinz Pütz. Er war, als einer der Chefs des Luxors, […] Anke und ch schilderten ihm den Eindruck, den der Abend mit Nedim bei uns hinterlassen hatte. Thema: Wir müssen was tun. Wir dürfen nicht schweigen. Wir müssen uns den Nazis entgegenstellen. Solche Pogrome wie Rostock-Lichtenhagen darf es bei uns in der Stadt niemals geben. In den letzten Jahren wurde die verbindende Kraft der Musik immer wieder genutzt, um Menschen zusammen zu bringen und auf Miss-Stände aufmerksam zu machen. Es gab Konzerte gegen Wackersdorf, die Band für Afrika etc. etc., und jetzt brennt es im Land und nix passiert?? Karl-Heinz musste nicht lange nachdenken. Er sagte sofort: stimmt! Mer müsse jet maache! Ich orjanisier dat!!!

Schon an diesem Abend entstand die vage Idee, ein Konzert als Kundgebung zu veranstalten. […]
Wenige Tage später hatte Karl-Heinz Pütz Vertreter der Kölsch-Bands zu einem Treffen in den Stadtgarten eingeladen. Das Thema war schnell geklärt und alle waren bereit mitzumachen. Wir einigten uns darauf, das zu tun, was wir am besten können, nämlich Musik machen. Also enstand die Idee, wir veranstalten ein Konzert in Verbindung mit einer Kundgebung gegen Rassismus und Neonazis.‟

rolf_lammers

 

 

 

Rolf Lammers auf der Bühne am 9.11. 1992

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