Arsch huh, Zäng ussenander!
neu_nach pegida

Alexander Häusler, Sozialwissenschaftler bei der Forschungsstelle Rechtsextremismus an der Fachhochschule Düsseldorf

Hans-Peter Killguss, Leiter der Info- und Bildungsstelle gegen Rechtextremismus beim NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln

 

Alexander-Häusler-Arsch-huh-Kongress-2015

Alexander Häusler

Alexander Häusler: 

Das Neue an der Situation seit den Pegida-Demonstrationen und durch das Auftreten der rechtspopulisitischen Partei Alternative für Deutschland ist, dass verschiedene Milieus mit rechter Gesinnung sich vermischen, die vorher nicht viel miteinander zu tun hatten. Neonazi-Gruppierungen, verbotene Kameradschaften, Fußball-Hooligans und das neue rechte Protestmilieu finden anlassbezogen – zum Beispiel zum Thema Flüchtlinge – zusammen.

Im Osten Deutschlands fühlen sich viele Bürger deklassiert und abgehängt, was ihren Ärger steigert. Muslime dienen als Sündenböcke zur einfachen Aggressionsabfuhr. Ausbrüche rassistisch motivierter Gewalt nehmen erheblich zu. Wie die hohe Zahl von Anschlägen auf Flüchtlingseinrichtungen in NRW zeigt, erfolgt eine vergleichbare Polarisierung auch in den westlichen Bundesländern, wo die Zivilgesellschaft zwar noch lebendig, aber als normbildende Mitte durchaus brüchig ist.

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass die Umbruchsituation und das Fehlen von Angeboten im politischen Feld sich teilweise auch in der Künstlerszene spiegelt, wo es ebenfalls Verschiebungen gegeben hat. Die Vorstellung, dass Kunst automatisch etwas Progressives ist, was sich gegen reaktionäre Formierungen in der Gesamtgesellschaft richtet, stimmt so nicht mehr. Hinsichtlich Manpower und strategischem Knowhow haben die Akteure des rechten Felds aufgeholt. Kunst, Musik, Videoproduktionen bis in den intellektuellen Bereich spielen eine große Rolle. Die Strippen werden von rechten Bewegungsunternehmern gezogen wie Götz Kubitschek oder Jürgen Elsässer mit dem Compact Magazin. Das sind neu-rechte Agitateure und Provokateure, die ein bestimmtes Klientel bedienen.

Für die Akteure der rechten Szene gibt es ein Feindbild in Politik, Medien und im kulturellen Bereich, das sich mit dem Schlagwort des Kulturmarxismus verbindet. Es ist die Vorstellung, dass Alt-68er die Medien und Öffentlichkeit beherrschen und den völkischen Zusammenhalt auflösen.

Wenn man zudem sieht, dass im jugendkulturellen Sektor die Identifikationsangebote der identitären Bewegungen über semi-professionelle Videoästhetik vermittelt werden, muss man feststellen, dass aktuell eine Art reaktionärer Kulturkampf stattfindet. Die neue rechte Szene versucht Antworten auf die Krisensituation zu geben und setzt dabei zunehmend auf eine medienästhetische und künstlerische Untermalung. Das muss auch von künstlerischer Seite als eine neue Herausforderung angesehen werden.

 

Arsch huh Kongress 2015 Hans-Peter Killguss

Hans-Peter Killguss

 Hans-Peter Killguss:

Die HoGeSa-Veranstaltung 2014 und die kurz darauf einsetzenden Pegida-Märsche in Dresden hängen insofern zusammen, als dass beide eine deutliche Dynamik in die Rechtsaußen-Szene eingebracht haben. Menschen, die sich als eher unpolitisch begreifen, versammeln sich unter rassistischen Parolen und formieren sich zu einem rechten Bürgertum, das Anknüpfungspunkte für die Neonazi-Szene bietet. Auch bei dem nicht-gewaltaffinen Publikum wird somit der Vorstellung von Gewalt als einer legitimen Handlungsoption Vorschub geleistet.

HoGeSa war deswegen für dieses Szene so wichtig, weil es eine Erlebniswelt dargeboten hat. Auch wenn sich diese Leute n den sozialen Netzwerken tummeln und sich die Ideologie darüber verfestigen kann, das Entscheidende für das Eingebundensein in diese Szene stellt das persönliche Erleben dar, wie man es mit dem Auftreten im Oktober 2014 verbindet. Die Organisatoren der Kundgebungen warten mit Bands wie Kategorie C auf, die die Stimmung aufheizen. Wenn aus mehreren Tausend Kehlen „Hooligans gegen Salafisten“ gebrüllt wird, dann macht das was mit den Leuten, das gibt denen Schub und ist schon auch der Soundtrack für Gewalttaten.

Die Rechten besetzen mit ihrem Protest zunehmend kulturelle und städtische Räume. Kluge Gegenstrategien zu entwickeln bedeutet auch zu überlegen: Wie können wir ihnen die Räume nehmen und wie können wir deren Erlebniswelt brechen und eine demokratische Erlebniswelt dagegensetzen? Darin sehe ich durchaus die Aufgabe von Künstlerinnen und Künstlern.

Aus meiner Perspektive als jemand, der Bildungsarbeit zum Thema Rechtsextremismus macht, wünsche ich mir dabei manchmal ein Mehr an Provokation – wenn sie gut gemacht ist. Gut, das heißt für mich, wenn man rechte Propaganda ironisiert, ohne sie durch Lächerlichkeit zu verharmlosen, wenn man kritisch mahnt, ohne zu dramatisieren und ohne die Kritik moralinsauer aufzuladen. Das ist natürlich eine große Herausforderung und vielleicht auch ambivalent. Aber wenn es Künstlern gelingt, für die Zivilgesellschaft deren Teil sie ja sind, einen ästhetischen Reflexionsrahmen zu schaffen, dann finde ich das wunderbar.

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