Arsch huh, Zäng ussenander!

Vor 25 Jahren 100.000 Menschen auf dem Arsch-huh-Konzert am Chlodwigplatz

das legendäre
"arsch huh" - konzert
am 09.11.1992
auf dem chlodwigplatz

foto: stefan worring

Jens Meifert in der Kölnischen Rundschau über die Veranstaltung vom 9.11.1992

Köln – Die Gründungsmythen sind lang und zahlreich. Am 9. November 1992 strömen 100 000 Menschen zum Chlodwigplatz in die Südstadt. Wahrscheinlich sind es doch ein paar weniger, aber das ist egal. Wichtig ist die Botschaft, und die heißt: Nein zu Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Arsch huh.“

Die wichtigsten Musiker der Stadt stehen gemeinsam auf der Bühne, der gealterte Willy Millowitsch tritt am Arm von Elke Heidenreich auf die Bühne, zitiert Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ und schließt mit „Kölle Alaaf“. Es ist die Geburtsstunde einer Bewegung, die die Stadt bis heute prägt.

Asylbewerberheime im Land brannten

In den Wochen zuvor hatten die Asylbewerberheime im Land gebrannt. In Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda und Hünxe zeigte sich Deutschland von seiner hässlichsten Seite. In Köln wuchs das Bewusstsein: Dem müssen wir etwas entgegensetzen. Auslöser war ein Gespräch zwischen dem damaligen Luxor-Besitzer Karl Heinz Pütz und dem Musikerpaar Rolf Lammers und Anke Schweitzer (L.S.E.). Der türkische Musiker Nedim Hazar hatte Lammers geschildert, wie unwohl er sich angesichts der fremdenfeindlichen Stimmung fühle, dass die Situation unerträglich werde. Gemeinsam war man sich einig: „Wir müssen was machen.“

Am 22. Oktober, vor 25 Jahren, treffen sich Kölner Künstler im Restaurant des Stadtgartens. Neben Hazar, Pütz, Lammers und Schweitzer sind dabei: Wolfgang Niedecken, „Effendi“ Büchel (BAP), Arno Steffen (L.S.E.), Stephan Brings, Hannes Schöner (Höhner), Tommy Engel (Bläck Fööss), Gerd Köster, Matthis Keul (The Piano has been drinking) und Manfred Post (Rockbeauftragter der Stadt). „Es war eine aufgeregte Stimmung“, sagt Post heute, „und es war schnell klar, dass wir was machen wollten, um klar Position zu beziehen.“

Vassilios „Nick“ Nikitakis schrieb das Lied

Das geschieht im Rekordtempo. Mit dem 9. November, dem Jahrestag der Pogromnacht, ist schnell ein symbolkräftiges Datum gefunden. Mehr aber nicht. Die starke Südstadtfraktion unter den Musikern schlägt den Chlodwigplatz als Veranstaltungsort vor. Als Oberbürgermeister Norbert Burger vier Tage später seine Unterstützung zusagt, drängt die Zeit. Und ein Song fehlt auch noch.

Den entwickelt Vassilios „Nick“ Nikitakis. Die Musik schreibt Niedecken, der nur aufschreiben muss, was er zuvor in der Bäckerei Brochmann auf der Severinstraße erlebt hatte. Einen Handwerker im Blaumann, der über Ausländer ätzt – und keinen Widerspruch zu hören bekommt. „Erst auf dem Weg an den Frühstückstisch war mir bewusst geworden, dass ich schlicht gekniffen hatte“, erinnert sich Niedecken. Und ergänzt: „Der Text von Arsch huh handelt definitiv von mir. Ich bin der Typ, der seinem Vater nie verzeihen konnte, dass er sich ,damals’ arrangiert hat, bis schließlich nichts als Trümmer geblieben waren.“

Musiker vereint für den guten Zweck

Das Thema des Liedes ist gefunden: „Wie wöhr et wenn du dämm Blaumann jetz sähs, dat du Rassistesprüch janit verdrähs?. Arsch huh, Zäng ussenander!“ Fünf Tage nach dem Gründungstreffen spielen die Künstler im Can-Studio in Weilerswist die Musik ein. Neben Niedeckens BAP, Fööss, Höhnern, Brings und den anderen Initiatoren sind auch Jürgen Zeltinger und Marion Radtke dabei. Vereint sind teilweise Musiker, die sich alles andere als grün sind. Bläck Fööss und Höhner gingen sich damals aus dem Weg so gut es ging, notfalls mit einem Wechsel der Straßenseite.

Am 9. November spielt das keine Rolle. Ein Sicherheitskonzept gibt es nicht, dafür im Handumdrehen organisierte Bühnentechnik. Der Beginn des Konzerts ist für 19.30 Uhr angesetzt. Um 18.10 sind erst einige Hundert Leute auf dem Platz. Walter Pütz, Produzent, dem der Stress von CD-Arbeit und Aufbau wie den anderen in den Knochen steckt, erinnert sich an enttäuschte Gesichter oben in der Severinstorburg. „Ich werde nicht vergessen, wie sich Janus Fröhlich von den Höhnern vom Fenster wegdrehte und rief: „Do drusse süht et us, als ob d’r Zoch kütt.“

Menschen kamen aus allen Richtungen zum Chlodwigplatz

Die Menschen strömen aus allen Richtungen zum Platz. Am Offenbachplatz hat zuvor eine Kundgebung stattgefunden. Als Zeltinger um kurz vor halb acht auf die Bühne tritt („Müngersdorfer Stadion“), ist auf der Bonner Straße und dem Ring kein Durchkommen mehr, die Bahnen der KVB stehen. Der WDR überträgt live im Radio. Die Stimmung des Abends trifft Klaus Bednarz mit gänzlich unverblümten Worten: „Nazis verpisst euch, niemand vermisst euch.“

Edelweißpirat Jean Jülich erinnert an seine Zeit als jugendlicher Widerstandskämpfer, die Höhner fragen „Wann jeit dr Himmel widder op?“, und Tommy Engel versagt immer wieder die Stimme als er vom Veedel singt, „denn he steht man zesamme“. Vor allem das Finale ist ein Stück Kölner Stadtgeschichte geworden. „Jetzt jilt et: Arsch huh, Zäng ussenander. Jetz, nit nähxte Woch!“

„Die Symbolkraft trägt bis heute“

Dass der Abend völlig ohne Zwischenfälle verläuft, ist ein großes Glück. Die ganze Bedeutung des Ereignisses wird erst viel später deutlich. „Die Symbolkraft trägt bis heute“, sagt Manfred Post. Am Ende des Konzerts trinken die Künstler aber nur ein paar Kölsch zusammen. Nach Feiern ist niemand zu Mute, trotz des überwältigenden Zuspruchs. Die Gedanken gehen zu weiteren politischen Kundgebungen der Künstler, die dann in Frankfurt und Leipzig folgen sollten.

Karl Heinz Pütz, 2013 verstorben, erinnerte sich anlässlich des 20. Jahrestags von „Arsch huh“ in der Rundschau: „Die Idee war, den Rassisten das Spielfeld zu entziehen. Es war ein emotionales Zeichen, mit dem wir klargestellt haben: Wir sind der Mentalitätsfaktor Köln. Besser als mit der Musik konnte man das nicht klar stellen. Ich glaube, das ist seitdem auch erledigt. Weil vom Apotheker über den Schützenbruder bis zum Philharmoniebesucher alle dabei waren.“

Die AG Arsch Huh

Begriffe wie Heimat und Volksmusik nicht den Rechten überlassen – das war vor 25 Jahren einer der Gründungsgedanken von Arsch huh. Auch der zehnte Jahrestag des Chlodwigplatz-Konzertes stand 2002 unter diesem Leitgedanken. Künstler wie Gerd Köster und Frank Hocker, die Höhner oder die Microphone Mafia coverteren die Songs der jeweils anderen Musiker und Bands. In der Philharmonie wurde das Album gemeinsam vorgestellt.

Weitere zehn Jahre später folgte erneut eine Großkundgebung – dieses Mal auf dem Gelände der Deutzer Werft. Neben BAP, Höhnern, Fööss, Brings traten Kabarettisten wie Wilfried Schmickler, Carolin Kebekus und Fatih Çevikkollu auf. Mit dabei waren mit Kasalla und anderen aber auch neue Gesichter der Kölner Musikszene. Die Kundgebung zog rund 80.000 Menschen an und markiert aus heutiger Sicht eine Art Übergabe des Staffelstabs an die jüngere Generation.

Inzwischen engagieren sich auch Björn Heuser und Cat Ballou. Es gibt Kontakt zu Bands wie Miljö und Querbeat. Schwerpunkt der Aktionen war neben dem Protest gegen rechte Gewalt in den letzten Jahren der Einsatz für eine solidarische Stadt, etwa im Rahmen des Festivals „Birlikte“ in Mülheim. Zuletzt engagierten sich die Musiker für eine Teilnahme bei der Bundestagswahl („Wähle jon“).

Zum Jahrestag des Konzertes am 9. November wird es keine öffentliche Veranstaltung geben, geplant ist ein internes Treffen der Arsch-huh-Mitglieder.

– Quelle: https://www.rundschau-online.de/28739692 ©2017

 

 

 

 

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