Arsch huh, Zäng ussenander!

Raus aus den Schubladen! Miteinander Reden – Ali Can zu Gast bei „Köln spricht‟

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Ali Can zeigt Haltung – die Haltung des Miteinanders. Und das ist mehr als eine zur Schau getragen Pose. Aufgerüttelt wurde er durch das Video aus Clausnitz, in dem sich ein aufgebrachter Mob einem Bus mit Geflüchteten voller Hass und Aggression und mit Haut ab!-Rufen entgegenstellte. Was ist da los in Sachsen?, war die Frage, die ihn bewegte und so machte er sich auf zu einer Reise nach Ostdeutschland, um die dortigen Andersdenken kennenzulernen.

261Als jemand mit offenkundig fremdländischem Aussehen („Migrationsvordergrund“) nahm Ali in Dresden an einem Pegida-Aufmasch teil. Er wurde kritisch beäugt und blieb abseits. Heimisch fühlte er sich allein beim Absingen der Nationalhymne. Es gab Reden, fremdenfeindliche Parolen wurden gerufen und Abschiebung gefordert. Ali kramte aus seinem Rucksack seinen Proviant hervor. Es war Zufall, dass er ausgerechnet einen Osterhasen aus Schokolade dabei hatte. Die Umstehenden schauten irritiert, er aß davon und bot davon an – und so kam er ins Gespräch. Reframing – wie aus dem Lehrbuch.

Sonntagnachmittag im Club Bahnhof Ehrenfeld

Die Geschichte vom Schokoladenhasen erzählt Ali Can Sonntagnachmittag im Clubbahnhof Ehrenfeld. Wo sonst getanzt wird, sitzen Leute auf Schlitten und Bierkästen mit Kissen, dazwischen Steh- und Tischlämpchen und eine anheimelnde Deko aus Blumen und Luftballons. „Köln spricht‟ hat eingeladen ins Wohnzimmer der Demokratie und zum Gespräch über das, was gesellschaftspolitisch auf den Nägeln brennt. Und viele sind gekommen, um daran teilzuhaben.

Auch, um Ali Can zu hören, dessen Eltern aus der Türkei flohen und hier Asyl erhielten, als er zwei Jahre alt war. Heute ist er 23 und nennt sich selbst „Migrant des Vertrauens“. Durch die Einrichtung einer „Hotline für besorgte Bürger‟ hat er eine gewisse Bekanntheit erreicht. Hier in Ehrenfeld stellt sich Ali Can den Fragen des Pubikums und präsentiert mit dem Moderator eine szenische Lesung, um anschaulich zu machen, wie ein typisches Gespräch zwischen ihm und einem Pegidisten abläuft. 252

Dabei geht es ihm nicht darum, Andersdenkende vorzuführen. Ali Can sucht nicht die Konfrontation, er sucht Verständigung. Auf die Frage, was denn das krasseste gewesen sei, was er am Telefon je erlebt habe, erzählt er von einerm Anrufer, der ihm minutenlang Hasstiraden und Beschimpfungen gegen Ausländer entgegengeschleudert hat. Ali Can hörte zu, wartete auf eine Pause, um reagieren zu können. Doch diese Untrbrechung kam nicht. Als der Mann all seine Wut und seinen Hass losgeworden war, legte er einfach auf. Welche persönliche Stärke strahlt dieser junge Mann aus, wenn er diese Schilderung mit den Worten beschließt: Ich hab einfach erkannt, dass ich nur eine Projektionsfläche für den Frust dieses Anrufers war.

Sein Dreh- und Angelpunkt: Artikel 3 des Grundgesetzes

Ob es für ihn Grenzen gebe, will eine Frau wissen. Er bejaht. Eine Grenze wird dann überschritten, wenn jemand mehrmals die Gleichwertigkeit von Menschen leugne, die eine andere Herkunft, Religionszugehörigkeit, sexuelle Orientierung haben – wie er oder sie selbst. Aber sonst, betont Ali Can, spricht er mit jedem und jeder, so lange man auf einen Funken kritischer Reflexion hoffen kann.

Welche weiteren Essentials empfiehlt er?

  • Ein Gespräch lohnt sich, wenn es um das Finden besserer Lösungen geht. Es lohnt sich nicht, wenn das Gegenüber stur darauf beharrt, Recht zu haben.
  • Damit Verständigung gelingen kann, braucht es Zeit, Geduld und wertschätzende Kommunikation. Wir sortieren Menschen oft anhand von Momentaufnahmen in Schubladen ein. Man muss den Menschen sehen – auch hinter den Parolen, die er oder sie brüllt. Es geht immer um das Individuum, die konkrete Person und ihre eine lebendige Erfahrung.
  • Das entscheidende Mittel für ein gelingendes Gespräch sind Fragen. Fragen signalisieren Interesse und regen zur Reflexion an. Mit Nachfragen zur Klarheit kommen ist viel effektiver als das Abspulen von Besserwisserei.
  • Das Miteinandersprechen steht im Zentrum, denn die persönliche Begegnung ist ein kraftvoller Katalysator für die Haltung des Miteinanders. Dazu gehört auch anzuerkennen, dass sich nicht alle Widersprüche auflösen lassen. Es gibt viele Perspektiven im Blick auf die Welt und das gilt es zu akzeptieren.

Auf der Suche nach gesellschaftlichem Kitt

Ali Can will Vorbild sein und ruft andere dazu auf, sich ebenfalls vorbildlich zu verhalten, ganz im Sinne von Mahatma Gandhi „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.‟ Auch seine Zitate belegen, Vieles ist nicht neu, was er sagt, klingt nach NLP und Marshall B. Rosenbergs Konzept der Gewaltfreien Kommunikation. Aber das tut der Richtigkeit und Notwendigkeit keinen Abbruch. Zudem verkörpert es Ali Can auf sympathische und einnehmende Weise. In einer Zeit wachsender Zersplitterung, ist es gut, Schnittmengen und Gemeinsamkeiten zu betonen.

Er ist ein Idealist – aber kein Träumer. So zieht Ali Can nicht wie ein Wanderprediger für mehr Menschlichkeit durch die Welt, sondern gibt konkrete Anstöße. In Essen hat er gerade ein Zentrum für Respekt gegründet. Ein Haus mit vielen Räumen, in denen Gespräch und Austausch unterschiedlicher Gruppen möglich ist. Ganz so, wie bei „Köln spricht‟. Und so ist wahrscheinlich, dass es dort bald auch ein „Essen spricht‟ geben wird.

Arsch huh wünscht Ali Can einen langen Atem. Sprecht mit ihm, hört ihm zu – es lohnt sich.

Außerdem freuen wir uns über das Engagement von „Köln spricht“. In diesem Wohnzimmer waren wir sicher nicht das letzte Mal zu Gast.

 

Petra Metzger

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