Arsch huh, Zäng ussenander!

Ich freu mich, dass so viele gekommen sind! Es ist ein wichtiges und machtvolles Signal, das von Euch allen hier ausgeht.

Und ich freu mich, dass ich hier zu Euch sprechen darf. Ich bin Lamya Kaddor und das Thema, das uns heute hier zusammengebracht hat, beschäftigt mich schon seit Jahren – als Islamwissenschaftlerin, Autorin, Lehrerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds.

Arsch huh – vor mehr als 20 Jahren ging von Köln schon einmal ein mächtiges und wichtiges Signal aus. Ich hab gerade die Stimme von Wolfgang Niedeken im Ohr, Euren Kölschrocker von BAP! Damals erreichte mich die Botschaft als junges Mädchen im westfälischen Ahlen. Ich konnte das zwar alles noch nicht genau einschätzen, aber ich spürte schon, dass da von ganz vielen Menschen Unterstützung, Rückhalt auch für mich ausging. Danke dafür!

Damals waren zwar noch ein paar Menschen mehr auf der Straße, aber damals tobte in Rostock-Lichtenhagen auch der Mob gegen Ayslbewerber. So weit sind wir glücklicherweise nicht. Aber so weit dürfen wir es auch nie wieder kommen lassen! Nur die Zeichen der Gefahr kommen näher! Vor zwei Tage brannten leerstehende Flüchtlingsheime in Nürnberg, immer wieder kommt es zu Übergriffen auf Moscheen – auch wenn darüber nicht so ausführlich in unseren Medien berichtet wird. Wir müssen aufpassen in Deutschland. Die Stimmung ist höchst angespannt auf allen Seiten.

Es mögen nicht alle Nazis und Rechtsextreme sein, die sich bei Pegida, HoGeSa und wie sie alle heißen einreihen. Richtig. Tatsächlich mögen manche aus ernsthafter Angst dort mitmachen. Und ehrliche Ängste muss man in der Tat ernst nehmen. Aber: Es sind erwachsene Menschen, die sich dort anschließen. Mündige Bürger! Und wer dort mitmacht, muss wissen, dass er sich rechtspopulistischen Ideen anschließt und Seite an Seite mit Rechtsextremisten marschiert! Und dafür fällt es mir ehrlich gesagt, ganz schwer, Verständnis aufzubringen.

Unser Innenministerminister Thomas de Maiziére hatte recht, als er jüngst sagte, schon der Name Pegida sei eine Unverschämtheit. Auch wenn er zwei Tage später doch wieder Verständnis aufbringen konnte. Diese Doppelzüngigkeit hilft keinem weiter. Ja, hier wendet sich eine Bewegung gegen die angebliche „Islamisierung des Abendlands“. Wir haben viereinhalb Millionen Muslime im Land und 81 Millionen Einwohner! Und gerade in Dresden gibt es kaum Muslime, nämlich 0.4%! Wo ist da also die Islamisierung?

Pegida ist auch nicht „patriotisch“, Pegida ist schlicht fremdenfeindlich! Und das muss man der Bevölkerung klar machen! Und ich kann nur die Innenminister, die sich gerade hier in Köln getroffen haben, warnen, mit parteipolitisch durchschaubaren Manövern öffentliches Verständnis für diese Bewegung zu heucheln! Verständnis für das Auftreten trägt mit dazu bei, die Islamfeindlichkeit weiter in die Mitte der Gesellschaft zu tragen.

Und nicht nur das. „Islam“ ist hier nur eine Chiffre. Eine Chiffre für den alten Schlachtruf: „Ausländer raus!“ Und für noch mehr. Glaubt denn wirklich jemand, dass Neonazis, die bei Pegida und HoGeSa mitmachen, für die Rechte von Schwulen und Lesben oder Juden eintreten? Nein! Die dort zur Schau gestellte Menschenfeindlichkeit macht vor keiner Minderheit halt.

Und lasst mich euch noch etwas sagen. Diese anti-islamischen Bewegungen sind Wasser auf die Mühlen von Salafisten und Islamisten. Die Salafisten werben junge Muslime ausländischer Herkunft gerade damit an, dass sie auf die Feindlichkeiten gegenüber Muslimen in deutschen Gesellschaft hinweisen. Und zum Beweise können Sie nun prima auf über 10.000 Pegida-Anhänger verweisen.

Die Salafisten können aber auch den „Focus“ vom November aus der Tasche ziehen. „Die dunkle Seite des Islam. Acht unbequeme Wahrheiten über die muslimische Religion.“, heißt es. Ja, zweifelsohne, es gibt große Herausforderungen, denen sich Muslime stellen müssen. Ich setze mich seit Jahren genau damit auseinander! Aber in diesem Heft geht es nicht um die „dunkle Seite des Islam“! Hier geht es um den Islam als ganze Religion. „Ein Glaube zum Fürchten“ heißt es bezeichnend im Heft!

Wir müssen den Salafismus bekämpfen. Er ist Gift für die Gesellschaft. Das gilt auch für uns Muslime. Auch wir dürfen uns nicht dem falschen Glauben hingeben, die Salafisten seien für Muslime weniger gefährlich. Oder wir befänden uns gar in einer gemeinsamen Opfergemeinschaft. Nein. Im Gegenteil. Sie zerstören unsere Familien. Hetzten Kinder gegen ihre Eltern auf. Und letztlich sind wir alle in ihren Augen so lange irrgeleitet, wie wir uns ihnen nicht bedingungslos anschließen.

Also lasst uns gemeinsam die Botschaft von hier mitnehmen: Wenn wir den Frieden in der Gesellschaft bewahren wollen, dann müssen wir salafistischen und islamfeindlichen Tendenzen gleichsam entgegen stellen. Salafismus und Islamhass sind zwei Seiten einer Medaille. Lasst uns gemeinsam Aufstehen. Gegen jede Form von Extremismus! Gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit!

Lamya Kaddor Fatih Cevikkollu Selfie Du Bes Kölle
Lamya Kaddor und Fatih Cevikkollu bei der Du Bes Kölle-Demo am 14.12.2014

Lamya Kaddor Blick auf Du Bes Kölle Teilnehmer
Lamya Kaddors Blick auf die Teilnehmer der Du Bes Kölle-Kundgebung

(Text und Fotos mit freundlicher Genehmigung und von Lamya Kaddor)

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