Arsch huh, Zäng ussenander!
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Einmal mehr zeigt sich die Keupstraße einladend und aufgeschlossen und bittet zur Iftar-Feier die ganze Stadt zu Tisch. Was für eine großherzige Geste! Die, die gekommen sind und sich an die große Tafel setzen, fühlen sich nicht nur gesättigt, sondern auch beschenkt. Wie auch bei den Birlikte-Veranstaltungen und den Führungen im Vorfeld der Aufführungen des Theaterstücks „Die Lücke‟ von Nuran David Calis demonstrieren Anwohner und Geschäftsleute der Keupstraße ihre Gastfreundschaft.

Viele Menschen sind der Einladung gefolgt, Nachbarn, Nachbarinnen, Neugierige, Gläubige, Menschen aus Politik und Verwaltung, aus unterschiedlichsten Institutionen und nicht zuletzt Freunde und Freundinnen. Einträchtig sitzt man am gedeckten Tisch, verfolgt die Grußworte und schließlich das Gebet, das den Sonnenuntergang verkündet und das Signal gibt, dass nun gegessen werden darf.

Es ist kaum auszumachen, wie viele Teller mit Fleisch und Reis hier gereicht werden, wie viele Terrinen mit Suppe, Schälchen mit Oliven und eingelegtem Gemüse, Brot und zuletzt Baclava. Dazu Wasser, Ayran und Tee. Unzählige fleißige Hände schaffen immer neue Tabletts mit Speisen heran, bis wirklich alle etwas bekommen haben.

Diejenigen, denen viele von uns mit Misstrauen begegnen – manche auch mit Unwillen – lassen uns an diesem Abend erleben, wie es sich anfühlt: das vielgepriesene Jeföhl, das uns sagen lässt „Wir Kölnerinnen und Kölner‟. Oder etwas pathetischer: Es ist der Geist von Birlikte, der hier spürbar wird. Nachbarschaftlichkeit und Miteinander im besten Sinn – jenseits der sonst in Köln üblichen Partystimmung mit Bier und Gejohle. Es ist ein Fest, auf dem man sich warmherzig, freundlich und respektvoll begegnet.

Und zur gleichen zeit schlägt vielerorts wieder Fremdenfeindlichkeit hohe Wellen. In Deutschland wird der Tod eines jungen Mädchens betrauert, das nach aktuellem Kenntnisstand einem gewalttätigen jungen Mann zum Opfer fiel. Ihr Tod ist ein schreckliches und sinnloses Verbrechen und die große Anteilnahme daran ist verständlich und berechtigt. Aber eine vergleichbare Empörung blieb aus, als neun Menschen mit Migrationshintergrund ebenso sinnlos ermordet wurden – von gewalttätigen jungen Deutschen, wie sich herausstellte. Es gibt kaum etwas Schlimmeres, als einen geliebten Menschen zu verlieren. Wie bitter, wenn wir da einen Unterschied machen, ob es sich um ein deutsches oder nicht-deutsches Opfer handelt. Im einen und im anderen Fall spricht die Bundeskanzlerin von dem „unfassbaren Leid‟ der Angehörigen und der Opfer, ihrer eigenen „tiefen Erschütterung‟ und aktuell auch davon, „die Justiz müsse mit aller Klarheit ein Urteil sprechen“.

Doch der Ehrgeiz, die Tatserie gegen die migrantischen Nachbarn und Geschäftsleute aufzuklären, hielt und hält sich in Grenzen. Angehörige, Verletzte, Traumatisierte haben wir und unsere Institutionen nicht nur alleingelassen, sondern durch Verdächtigungen und Ausgrenzung noch tiefer ins Leid gestürzt.

Und heute zum Fastenbrechen sitzen wir alle zusammen als geladene Gäste am Tisch und werden mit offenen Armen empfangen. Bei diesem schönen Fest in Keupstraße fühle ich mich ein wenig beschämt. Ich finde, wir haben etwas gutzumachen und hoffe darauf, dass es gelingt, mit dem Keupstraßen-Mahnmal und dem Ort seiner Aufstellung ein Signal dafür zu setzen, dass wir uns im Sinn von Birlikte die Hand reichen und menschlich miteinander umgehen.

P.M. Freitag 9.6.2018

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