Arsch huh, Zäng ussenander!

Heimatliebe vs. Lokalpatriotismus

Arsch huh Kongress Heimatliebe vs Lokalpatriotismus

„Du bes Kölle“ hieß das Motto einer Kundgebung, mit der die AG Arsch huh im Dezember 2014 auf die Ausschreitungen und Anmaßungen der Hogesa-Anhänger in Köln reagierte. „Heimathirsch“ Jürgen Becker war eingeladen, einen Beitrag zu leisten und verfasste ein kritisches Traktat, in dem er formulierte, die bierselige Kölschtümelei vieler kölscher Bands habe „eine offene Flanke zum rechten Rand“. Er glaubte auch bei einigen Arsch huh-Bands zu erkennen, kölsche Selbstverliebtheit würde zusehends kritische Texte ablösen und eine idealisierte Vorstellung und übermäßigem Stolz auf die kölschen Heimat erzeugen. Dies war der Anlass für die Diskussion zwischen

Basti Campmann, Frontmann von Kasalla und einer der Sprecher
der AG Arsch huh

Stephan Brings, Musiker in der gleichnamigen Band, Mitbegründer und einer der Sprecher der AG Arsch huh

Jürgen Becker, ehemaliger Präsident der Stunksitzung, Kabarettist und langjähriger Gastgeber der WDR-Mitternachtsspitzen

 

Stephan-Brings-Arsch-huh-Kongress-2015 Stephan Brings

Wir haben überhaupt kein Lied, mit der Aussage “Komm nach Kölle – hier ist alles gut“. Wenn wir ein Lied wie „Willkommen in Kölle“ singen, geht es nicht darum, dass es in Köln toll ist, ganz im Gegenteil. Klar sind wir Dekorateure, wenn wir auf einer Party Partymucke machen. Wir sind Dekorateure und davon leben wir, das ist unser Beruf. Wenn du danach, aber dann Autogramme schreibst, kommen die Leute halt und sprechen dich an. Das ist die Gelegenheit – Provokation ist, vielleicht der falsche Begriff – zu einem kurzen Austausch. Dann merkt man, die Jungs und wir, wir kommen an Leute ran, die wir auf Kundgebungen oder mit Kabarett und Kongressen niemals erreichen können.

Es ist unsere Aufgabe und auch die von den anderen Künstlern, die bei Arsch huh dabei und die im Moment populär sind, dafür zu sorgen, dass Masse auf die Straße kommt. Es darf nie wieder passieren, wie es 2014 war, dass die Rechten zahlenmäßig überlegen sind. Das hat es vorher nie gegeben und zum Glück war das Verhältnis im Oktober 2015 ja auch wieder andersherum.


Jürgen-Becker-Arsch-huh-Kongress-2015 Jürgen Becker

Es liegt ja durchaus eine große Chance darin, dass Ihr nochmal ganz andere Leute erreicht. Vielleicht muss man sich aber dennoch mal überlegen, wo das hinführen, wohin sich Volksmusik in engerem Sinne entwickeln könnte. Ältere Lieder, von Trude Herr zum Beispiel, die haben sich immer an der Stadt gerieben. Selbst „Dat Wasser von Kölle is jot“ von den Bläck Föösss war so. „Die Blumen lassen alles hängen“ das war Reibung durch Umweltkritik. Darin lag auch eine gewisse Ironie und diese Ironie, die fehlt den heutigen Liedern meiner Meinung nach.


Basti-Campmann-Arsch-huh-Kongress-2015Basti Campmann

Ich kann nicht stolz auf die Stadt sein oder stolz darauf sein, ein Kölner zu sein, die Herkunft ist doch purer Zufall. Aber man kann ein Gefühl dafür haben, wo man herkommt. Man kann sich wohlfühlen, wo man geboren ist, aber stolz würde ich in dem Zusammenhang niemals sagen.

Der Vorwurf „Ihr denkt wohl, Ihr stellt Euch da hin und spielt ein paar Kölsche Lieder und die Welt ist wieder gut“, dieser Vorwurf kommt immer wieder. Aber wir sind nun mal Musiker und wenn wir auftreten und nur reden würden, würde überhaupt keiner zuhören.

Natürlich hat eine Bewegung wie Arsch huh auch Grenzen. Wo die Reise hingeht, die Frage sollte hier auf jeden Fall gestellt werden. Andererseits kann man von einer Künstlerinitiative auch keine Wunderdinge erwarten.


Jürgen Becker

Ihr singt ja auch für Leute, die auch aus der anderen Ecke kommen, Ihr habt die Chance sie zu erreichen, das ist erstmal gut. Bei euch ist aber auch ein Element drin ist, das eben auch Rechte gut finden, also stolz zu sein auf die eigene Stadt zum Beispiel. Ihr habt die Möglichkeit, diese Leute positiv zu beeinflussen. Das ist die Freiheit der Kunst. Es darf nie – wie Wolfgang Niedecken das am Anfang gesagt hat- so sein wie in der DDR, wo Kunst für den Sozialismus gemacht wurde und für die Arbeiterklasse. Da kommt nur Scheiße bei raus. Aber wenn man offen ist und einfach alle Möglichkeiten völlig neu durchspielt, findet man da bestimmt noch ein paar Sachen, die noch nicht entdeckt und probiert wurden und die neue Impulse geben können, auch für Arsch huh. Der alte Reflex nutzt sich ab. Du kannst immer sagen, wir machen ein Konzert und dann kommen alle. Das klappt vielleicht noch eine Weile, aber irgendwann lässt das nach. Wir brauchen neues Material.

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