Arsch huh, Zäng ussenander!

Guisi Nicolini, Bürgermeisterin von Lampedusa, hatte die mühevolle Anreise zu uns auf sich genommen, um die Menschen in Köln mit ihrer Botschaft für eine humane Flüchtlingspolitik zu erreichen, doch leider wurde ihr Auftritt durch das Unwetter verhindert. Daher an dieser Stelle ein ausführliches Interview mit ihr.

Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes (auf unserem Foto rechts) hatte sie als Ehrengast am Bahnhof abgeholt. In der Mitte unseres Fotos ist Kölns Oberbürgermeister Jürgen Roters zu sehen.

Christoph Bex von der Rheinflanke sowie Claudia Roche von der Flüchtlingsinitiative Willkommenskultur in Sürth hatten Frau Nicolini begleitet.

Die Bürgermeisterin von Lampedusa bei „Birlikte“ in Köln: „Unsere Idee vom Mittelmeer muss sich ändern!“

Guisi Nicolini gilt als „Stimme des Vorpostens“, als leidenschaftliche Verfechterin einer humanen und gesamteuropäischen Flüchtlingspolitik. Spätestens seit der großen Katastrophe im Oktober 2013, als über 360 Menschen zu Tode kamen, verzeichnet sie zunehmende Solidarität auch von den Menschen aus Mitteleuropa. Sie war zur Kundgebung nach Köln zu kommen um für eine neue Idee vom Mittelmeer zu werben, sich gegen Abschottung und Trennung – für das Verbindende auszusprechen. Arsch huh Unterstützer und Aktivist Franco Clemens hatte hinter der Bühne Gelegenheit mit ihr zu sprechen. Hier Auszüge aus seinem Interview:

Frau Bürgermeisterin, wir sind sehr glücklich, das Sie heute bei uns sind. Herzlich willkommen in Köln.

Nicolini: Vielen Dank für ihre Gastfreundschaft und für die großartige Organisation dieser Kundgebung mit den vielen Künstlern. Ich bin sehr beeindruckt, vielen Dank.

Lampedusa liegt nah an der afrikanischen Küste und ist regelmäßig in den Weltnachrichten als Fluchtpunkt für Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten. Eine besondere Notlage erlebten Sie im letzten Herbst. Was ist im Oktober 2013 passiert und wie ist diese Notlage nach dem Untergang des Schiffes am 3. Oktober 2013 für Lampedusa bewältigt worden?

Nicolini: Das Schiffsunglück war eines der größten bisher im Mittelmeer; es ist sehr nah an der Küste von Lampedusa passiert. Das Meer hat uns 366 Leichen wiedergegeben. Für eine sehr kleine Insel wie es Lampedusa ist, nicht genügend ausgerüstet mit den nötigen Mitteln, um eine Notlage solchen Ausmaßes meistern zu können, war es eine sehr schwierige, belastende Situation. In solchen Fällen zuständig ist das Innenministerium; das hat aber hier keinerlei Mitarbeiter oder Außenstelle. Wir mussten uns also allein um alle möglichen dringenden Dinge kümmern, angefangen damit, dass wir 366 Leichen aufbewahren mussten. Das war ein sehr schwerer Monat. Beim Versuch, die Leichen aus dem Schiff zu bergen haben ja neben den professionellen Kräften des Staates auch viele Freiwillige aus Lampedusa mit geholfen.

Wie ist die Situation heute auf der Insel?

Nicolini: Zur Zeit hilft die Operation „Mare Nostrum“, die die Regierung direkt nach dem Untergang auf den Weg gebracht hat, der Insel in folgender Weise: Manchmal kommen wie jetzt am Pfingstwochenende in einer Nacht auch 3000 Leute an. Diese Menschen werden von ihren Booten direkt auf die Italienischen Militärschiffe geholt und nach Sizilien gebracht. Lampedusa wird nur für die Personen genutzt, die unmittelbar und dringend medizinische Hilfe benötigen wie etwa hochschwangere Frauen.

Ist das Auffanglager auf Lampedusa also geschlossen? Halten sich die Immigranten nicht mehr auf der Insel auf?

Nicolini: Das Auffanglager ist geschlossen. Zur Zeit werden zwei Hallen wieder aufgebaut, die während des Feuers im Jahr 2011 in Brand geraten waren. Auf dieser Baustelle können sie keine Leute unterbringen.

Was wünschen Sie sich an Veränderungen nach dem 3. Oktober 2013 und was glauben Sie hat sich schon geändert?

Nicolini: Mit Blick auf die Regeln und auf die politischen Entscheidungen hat sich absolut nichts geändert. Ich glaube jedoch, dass es eine große Veränderung in der öffentlichen Meinung gegeben hat, nicht nur auf nationalem, italienischen Niveau, sondern international. Lampedusa wurde zum Ziel der Presse und der anderen Medien aus der ganzen Welt. Auch aus Argentinien und China sind Journalisten gekommen, um zu verstehen, was passiert war und welchen Problemen ein Insel an der Grenze wie Lampedusa sich gegenübersieht. Ich glaube, dass das sehr wichtig ist: Unser Problem ist gewöhnlichen Menschen bewusst geworden. Und das ist wichtig, um Druck auf die Institutionen zu machen. Sie müssen alles ändern: Die Asylpolitik, die Aufnahmeregeln. Auch unsere Idee vom Mittelmeer muss sich ändern. Das Mittelmeer darf nicht von Kriegsschiffen beherrscht werden, um etwas Epochales aufzuhalten; es handelt sich nicht um einzelne Notsituationen. Wir reden von Menschen, die vor Kriegen, vor Verfolgung, vor dem Hunger, vor der Not fliehen. Das ist ein historischer Prozess, der eine angemessene Antwort verdient. Europa muss zu der Überzeugung gelangen, dass es diesen Prozess regeln muss und vor allem, dass es die allgemeinen Menschenrechte respektieren muss. Das heißt: Europa muss dafür sorgen, dass diese Personen um Hilfe bitten können, ohne gezwungen zu sein, auf diese Totenschiffe zu steigen.

Also hat Italien, dass sich in diesen Situationen sicher auch einiges hat zuschulden kommen lassen, auch recht, dass es sich um ein europäisches Problem handelt, nicht nur um ein italienisches?

Nicolini: Sicher. Das ist ein europäisches Problem. Das Mittelmeer gehört nicht nur zu Italien, sondern auch zu Europa, genauso wie es nicht nur zu Europa, sondern auch zu Afrika gehört. Vor allem aber darf das Mittelmeer nicht als Problem, sondern sollte als große Ressource betrachtet werden. Das ist möglich, wenn wir es nicht weiter zu dem Friedhof machen, der es derzeit ist. Entwicklungspolitik, Zusammenarbeit ist nicht möglich, wenn wir in diesem Meer immer weiter Menschen beerdigen.

Artikel teilen!

1 Kommentar

Kommentar hinterlassen