Arsch huh, Zäng ussenander!
Das Birlikte Wochenende wird mit der Uraufführung des Theaterstücks „Die Lücke“ von Nuran David Calis am Abend des 7.6. praktisch eröffnet. Der folgende Text stammt vom Schauspiel Köln, weitere Informationen und Karten, auch für die folgenden Aufführungen bis zum 4.7. gibt es hier beim: Schauspiel Köln.
Alles beginnt mit einem harmlosen Fahrrad, das an einem ganz normalen Mittwochnachmittag auf einer Kölner Straße vor einem Friseurgeschäft abgestellt wird. Doch die Straße mit den vielen kleinen Läden und Restaurants ist keine Straße wie alle anderen: In der Mülheimer Keupstraße ist über Jahrzehnte hinweg mitten im rechtsrheinischen Köln ein besonderer Ort türkischer Identität gewachsen. Viele der Bewohner hier sprechen besser türkisch als deutsch, die Kultur und das Geschäftsleben  der Straße sind türkisch geprägt. »Klein-Istanbul mit orientalischem Flair« wird es später in der Berichterstattung heißen. Oder – je nach Stimmungslage: »Parallelgesellschaft«.
Auch das Fahrrad vor dem Friseurgeschäft iPandora Special Momentst keines wie jedes andere, und es ist alles andere als harmlos: Auf seinem Gepäckträger ist ein Koffer montiert, vollgestopft mit Sprengstoff und fingerlangen Nägeln. Als die Bombe am 09. Juni 2004 gegen 16 Uhr mit einem lauten Knall detoniert, zerbersten in der Keupstraße Fensterscheiben. Der Friseursalon und wei

tere Geschäfte werden zerstört, 22 Menschen werden verletzt, vier von ihnen schwer, fast alle sind türkischer Herkunft.
Nach diesem Knall ist in der Keupstraße nichts mehr wie es war. Dabei geht es nicht nur um Zerstörungen und Verletzte: Politik und Polizei schließen schnell einen Terroranschlag ebenso aus wie einen fremdenfeindlichen Hintergrund der Tat. Stattdessen rücken die Anwohner und Geschäftsleute der Keupstraße in den Fokus der Ermittlungen: Von Schutzgelderpressung ist die Rede, von Konflikten zwischen der türkischen und der kurdischen Community, von organisierter Kriminalität im Rauschgift- und Rotlichtmillieu. Wer will das schon so genau trennen in einer Straße wie dieser. Die Polizei macht Druck, Misstrauen entsteht: zwischen den Bewohnern der Keupstraße und dem Apparat des Staates, in dem sie leben. Aber auch unter den Anwohnern selbst und zwischen ihnen und ihrer Stadt. Aus den Opfern werden in der öffentlichen Wahrnehmung mögliche Täter, gegen die ermittelt wird. Könnte nicht jeder hier etwas mit dem Anschlag zu tun haben?
Acht Jahre später ist wieder alles anders: Irgendwo im Osten Deutschlands sterben zwei Bankräuber in einem Wohnmobil, und eine Wohnung geht in Flammen auf. Was übrig bleibt, sind die Puzzleteile der gefährlichsten rechten Terrorzelle der deutschen
Nachkriegszeit, ein zynisches Bekennervideo und vor allem: Entsetzen und Ratlosigkeit. Und in der Keupstraße in Köln-
Mülheim? Steht man wieder unter besonderer Beobachtung. Nach Jahren des Schweigens setzt nun ein medienwirksamer Entschuldigungs- und Solidaritätstourismus ein. Polizeipräsidenten entschuldigen sich, ehemalige Minister äußern Bedauern. Und während die Bewohner öffentlich rehabilitiert werden, kommen immer mehr haarsträubende Geschichten aus der Zeit der Ermittlungen ans Licht.
Am 09. Juni 2014 jährt sich der feige NSU- Nagelbombenanschlag zum zehnten Mal. Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Vieles hat sich verändert in der Keupstraße. Viele sind weggezogen, andere sind gekommen: nicht nur Türken, sondern auch Bulgaren, Roma
und ein paar Deutsche. Doch die Geschichte, die mit dem scheinbar harmlosen Fahrrad begann, ist sicher auch an diesem Jahrestag noch nicht zu Ende. Denn das, was die Bombe zerstört hat, heilt nicht wie eine Wunde im Fleisch und lässt sich nicht reparieren wie eine zersplitterte Fensterscheibe. Noch immer ist nichts wie früher in dieser speziellen Kölner Straße. Eine Lücke bleibt. Eine Lücke zwischen der Straße und der Stadt, in der sie sich befindet. Eine Lücke auch zwischen der Mehrheitsgesellschaft dieser Stadt und dieses Landes und den migrantischen Mitbewohnern, die dort leben.
Genau in diese Lücke hinein beginnt der Autor, Regisseur und Filmemacher Nuran David Calis, der selbst türkischer Abstammung ist, seine theatrale Recherche: Immer wieder wird er im kommenden Jahr Bewohner der Keupstraße treffen, um gemeinsam mit ihnen die Geschichte dieser Straße und des Anschlags aus ihrer Perspektive zu erzählen. Nicht als Rekonstruktion der Ereignisse, sondern stets auf der Suche danach, wie das, was passiert ist, die Mentalität der Straße und das Leben der Menschen dort verändert hat.
Was genau dann zum zehnten Jahrestag des Anschlags am 09. Juni 2014 auf der Bühne des Schauspiels in der Interimsstätte im Carlswerk in unmittelbarer Nachbarschaft zur Keupstraße zu sehen sein wird, hängt nicht zuletzt von den Bewohnern selbst ab. Denn sie sind eingeladen, gemeinsam mit dem Ensemble des Schauspiels, nicht nur Teil der Geschichte zu sein, sondern selbst teilzunehmen: als Erzählende, Handelnde und Spielende mit einer eigenen Stimme.
Regie Nuran David Calis / Bühne Anne Ehrlich / Kostüme Amelie von Bülow / Musik Vivan Bhatti / Dramaturgie Thomas Laue
Nuran David Calis wurde als Sohn türkisch-armenischer Einwanderer in Bielefeld geboren, wo er im sozialen Brennpunkt Baumheide aufwuchs. Immer wieder sind das Aufwachsen unter schwierigen Bedingungen und die Frage nach dem Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft Thema seiner Stücke und Arbeiten am Theater. So entstand seine Baumheide-Trilogie, die am Thalia Theater in Hamburg, an den Münchner Kammerspielen und am Schauspiel Essen uraufgeführt wurde. Viele seiner Texte entstehen auch aus den Geschichten der Menschen, mit denen er in seinen Projekten zusammenarbeitet, und deren Erlebnisse und Vorstellungen von Zukunft er gemeinsam mit ihnen verdichtet. Ein anderer Schwerpunkt seiner Arbeit als Autor ist das Überschreiben von Klassikern aus heutiger Sicht, die er für verschiedene Theater inszeniert. Außerdem schreibt er die Drehbücher für seine Filmprojekte. 2011 erschien sein erster Roman Der Mond ist meine Sonne.

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