Arsch huh, Zäng ussenander!

„Des populistischen Asylpolitikers Rede“ von Heinrich Pachl, gehalten beim Arsch Huh-Konzert 1992

Des populistischen Asylpolitikers Rede

Heinrich Pachl

Liebe Anwesende und liebe Anwesendinninen!

Wir wollen, wenn Sie mich jetzt bitte richtig missverstehen, das Grundrecht auf Asyl in keinster Weise einschränken. Im Gegenteil.Wir wollen es erhalten, ausbauen und betonieren.

Aber wie ist die Stimmung, wie ist die Lage? Armut und Elend hocken apathisch in den Ecken oder rotten sich zusammen und brechen bei den Reichen ein. Arme, Aussiedler, Auszubildende und AIDS-Verdächtige konzentrieren sich vor den Fernsehapparaten, ziehen sich Horrorvideos rein, um sich damit geistig-moralisch auf die kommenden Auseinandersetzungen vorzubereiten. Alles glotzt, und nichts passiert. Der kleine Mann fühlt sich angeschmiert. Möllemann, Rühe, Kinkel, Kohl erträgt man nur im Alkohol. Durch die Herzen, durch die Hirne – Bürgerkrieg tief in der Birne.

Da sitzen zu Hause deutsche Männer, die einfach nur ihrer Frau verbieten wollen, daß sich ein Ausländer auf der Straße nach ihr umdreht und hinter ihr herpfeift, weil sie sich von Herzen wünschen, daß die deutsche Frau wieder nachts nackt auf der Straße rauchen können muß, ohne daß sie von einen Halbmond angebellt wird. Und wenn man diesen Menschen vorwirft, sie seien Neonazis, können sie das nicht verstehen, weil sie schon immer so gefühlt und gedacht haben. Sie kämpfen jeden Feierabend für die Reinheit des deutschen Biers und fühlen sich bedroht, wenn sie Fernsehen so hautnah erleben dürfen, wie Billionen von Bimbobambinos als Boatpeople den Rhein raufkommen, um hier auf Beutezug zu gehen und demnächst ihre Eigenheime in Köln-Bickendorf belagern. Und sie wissen, nicht nur der arme Süden, auch der Osten ist schwer am rosten, die Russen,

Rumänen, Bulgaren und Polen und auch die Ungarn wollen nur ungern verhungern. Dem Weltgeschehen sitzt Familie Hempel machtlos vis-a-vis, und unter ihrem Sofa ballt und braut sich atmosphärisch eine ganz explosive Mischung zusammen.

Das Volk ist der Wald, wir Politiker sind das Echo. Und wie es heraus schallt, so müssen wir hineingerufen haben. Also haben wir – und Sie hier sind leider überhaupt nicht repräsentativ, Sie sind nur eine Spitze ohne Eisberg – auf die Ängste der deutschen Bevölkerung Rücksicht zu nehmen, auch wenn diese Ängste unberechtigt sind.

Bei aller Politikerverdrossenheit sind wir doch im Übereinander und Miteinander gegenseitig aufeinander angewiesen. Deswegen sollten wir Politiker uns darauf verlassen dürfen, daß Sie sich so verhalten wollen, wie wir es von Ihnen erwarten müssen, denn Sie erwarten ja auch von uns, daß wir sie gut regieren können, und daß müssen wir schließlich auch, aber dann sollten Sie sich entsprechend verhalten und für das Verantwortung übernehmen, was Sie lauthals herumdröhnen, sonst müssen wir von Ihnen den Eindruck gewinnen, daß Sie überhaupt nicht mehr für das zurechnungsfähig sind, was Sie meinen, und das wäre doch der schlimmste Eindruck, den Sie als mündiger Staatsbürger bei uns von sich erwecken können.

Lassen Sie uns also gemeinsam auf dem Teppich bleiben und einsehen, daß wir nicht alle, die wollen, getreu dem Motto >Nach uns die Sintflut< hereinlassen können. Jeder bekommt seine Chance, nicht nach dem Ausländerabschiebegesetz behandelt zu werden, weil keiner von uns abgeschoben wird, wenn er freiwillig rausgeht.

Und wenn wir hier das Grundgesetz verändern, dann geben wir doch nicht unsere Prinzipien auf, wir sind doch keine Umfaller, ganz im Gegenteil, wir bewahren unsere Überzeugungen unter den Bedingungen, unter denen es im Augenblick möglich ist, und passen sie also den Gegebenheiten an, denn wir kämpfen für unsere Prinzipien bis zum Umfallen.

Wie wäre es denn, wenn der Asylbewerber, das muß man einfach einmal in Erwägung ziehen dürfen, darauf verzichtet, darin bestünde doch die moralische Eigenleistung, Asyl zu bekommen. Weil dann, und wie ich meine, nur dann sind wir heute in der Lage, der Bevölkerung, so wie sie fühlt und denkt, klar zu machen, wie wichtig das Asylrecht ist, und daß es nicht nur erhalten bleiben und geschützt, sondern sogar ausgebaut werden muß, was aber nur funktioniert, wenn die Menschen hier merken, daß sie nicht bedroht werden, wenn das Asylrecht in Anspruch genommen wird, was allerdings dadurch verhindert wird, wenn jeder, der ein Recht auf Asyl hat, dieses auch ausnützt, indem er es in Anspruch nimmt, was dann deutscherseits als rücksichtslos ausgelegt wird, so daß man sich nicht wundern muß, wenn schlechte Stimmung aufkommt und es zu Konfrontationen kommt, die

wir weder von der Regierung noch von der Verwaltung und auch nicht von den politischen Parteien in den Griff bekommen können und dann spätestens mit der nächsten Bundestagswahl 1994 eine Zuspitzung erleben werden, bei der wir keinen Deckel mehr haben, den wir dann auf diesen überkochenden Topf halten können.

Noch sind wir das Wachs in unseren eigenen Händen. Also meine ich, wenn die Asylsuchenden zu uns reinwollen, müssen sie doch erst mal draußen bleiben, sonst verschärfen sie doch nur die Spannungen, und das können gerade sie doch erst recht nicht wollen. Und wer bereits hier ist und bleiben will, also das wirklich ernsthaft vorhat, muß erst mal abhauen, sonst wird er vertrieben, das ist allerdings ein deprimierendes Exil-Erlebnis, das lange in den Klamotten hängen bleibt, und wir sind wieder vor der Weltöffentlichkeit der häßliche Deutsche. Das macht uns nun wirklich keinen Spaß mehr. Jeder hat ein Recht auf Heimat. Aber es gibt keine Rechte ohne Pflichten. Also gehört zum Recht auf Heimat auch die Pflicht zur Heimat – und umgekehrt. Und wo ist Heimat? Heimat – Bethlehem! – ist immer noch da, wo man hergekommen ist. Und wer ein Recht auf Heimat beansprucht‚ hat dann auch die verdammte Pflicht und Schuldigkeit‚ dahin zurückzugehen, wo der Pfeffer wächst.

Und das sage ich nicht nur im wahrsten Sinne des Schwachsinns und aus innerster Überzeugung, sondern das meine ich auch aus Öffentlichkeitsarbeit: Wir wollen das Grundrecht auf Asyl verwirklichen, ohne daß es in Anspruch genommen werden kann.

Der Text ist dem Buch „Arsch huh – Zäng ussenander! Kölner gegen Rassismus und Neonazis“ entnommen, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1992, ISBN 3 462 02272 5.

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6 Kommentare

  1. Fini 23. April 2012 at 20:20

    Heinrich Pachl war ein ganz Großer

  2. Frank 17. Juni 2012 at 08:18

    Ja, das gilt heute immer noch, man muss nür Kohl und Konsorten durch die heutigen „Unsäglichen“ ersetzen! Leider zeitlos! Und ja, Heinrich Pachl was great!!!

  3. M. 10. November 2012 at 09:39

    Das ist viel zu wenig rübergekommen: Dass das Recht auf Asyl als Reaktion auf die rassistischen Progrome bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt worden ist. Und dass es bis heute keine Regierung für nötig befunden hat, daran etwas zu ändern. Jahr für Jahr, Tag für Tag verrecken Menschen an den EU-Außengrenzen … und die EU? Bekommt den Friedensnobelpreis.

  4. Günter H. Schullenberg 2. Dezember 2012 at 19:27

    Heinrich Pachl war ein großer, mutiger; er kam auch mal nach DUS und schenkte mir zwei Eintrittskarten für seinen Auftritt im Kom ()ödchen. Auch zufällig in Berlin besuchte ich sein Programm.

  5. Gordon 12. Dezember 2014 at 17:57

    Das ist lange her…

    Seitdem hat sich he in Kölle vieles zum Schlechten geändert…

    Leider…

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