Arsch huh, Zäng ussenander!

Begrüßungsrede von Martin Stankowski bei der „Du Bes Kölle“-Demo, 14.12.2014

Auftakt Breslauer Platz. Begrüßungsrede von Martin Stankowski. Arsch Huh 14. Dezember 2014

Liebe Demonstranten & Besucher, Eingeborene & Zugezogene, Kölnerinnen und Kölner

Was ist heute normal? Normal ist am 3. Advent zu shoppen in der Innenstadt, sich auf den Weihnachtsmärkten zu drängeln und schlechten Glühwein zu trinken. Statt dessen treffen wir uns hinter dem Bahnhof bei 6 Grad Kälte. Aber immerhin scheint die Sonne – wahrscheinlich weil diesmal auch die CDU zur Kundgebung aufgerufen hat.

Der Grund ist der 26. Oktober. Sieben Wochen ist es her, dass sich unter dem Firmenschild „Hooligans gegen Salafisten“ Tausende Rechtsradikale getroffen und demonstriert haben. Wir waren entsetzt, wir waren überrascht, hatten Wut und waren empört. Wir hielten und halten das nicht aus und wollen uns heute den Breslauer Platz wieder zurückholen. Das ist die entscheidende Frage „Wem gehört die Stadt?“

In der Öffentlichkeit und der Politik wurde der Hooligan-Aufmarsch vor allem als Versagen der Polizei diskutiert: zu wenig Beamte vor Ort und kein Konzept. Aber auch wenn 1000 Polizisten mehr hier gewesen wären, das ändert nichts an der Tatsache der 5000 Hooligans, nichts an deren agressivem Auftreten, nichts an den rechtsradikalen Parolen.

Manche fragen: Sind Hooligans alle Neonazis? Oder sind die Neonazis jetzt Hooligans? Aber nehmen wir sie doch beim Wort, schauen uns die Reden an, die zu hören waren, die Parolen und auch ihre Musik.

„Deutscher Boden für deutsches Volk“ war zB eine Parole und immer wieder die Sprechchöre „Deutschland – Deutschland – Deutschland“. Oder die Schilder mit „Heimat, Freiheit, Tradition“. Ein Redner verabschiedete sich auf der Bühne mit dem Hitlergruß und die Band Kategorie C sang „Heute schlachten sie Schafe und Rinder, morgen vielleicht schon Christenkinder“.

Und das geht weiter. Jeden Montag versammeln sich unter dem Firmenschild PEGIDA tausende zu Spaziergangdemonstrationen. In Dresden hat das angefangen, dann Hannover, morgen wohl Bonn oder Düsseldorf. Die Namen variieren: DüGiDa / BoGeSa / HoGeSa. Manche verwechseln das schon mit dem Deutschen Hotel+Gaststättenverband: Dehoga und die Anuga wird sich wohl bald umbenennen, um nicht in diesen Topf geworden zu werden.

PeGiDa, das heißt „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“. Aber wenn man sich das genau anschaut, dann ist jedes einzelne Wort ein Hohn oder eine Lüge. Wer sind denn „Patriotische Europäer“? Das sind die selben, die sonst gegen Europa demonstrieren und am liebsten aus der EU wieder austreten wollen. Und das Abendland? Das Abendland ist mehr als Nation oder Volk. Das Abendland übersteigt die ethnischen Zäune und steht für eine Kultur der Verständigung, der Toleranz, der Aufklärung. Diese Leute unter dem Firmenschild „Europa“ sind in Wirklichkeit Generalverbitterte. Sie sagen Salafisten und schimpfen doch zugleich auf die „gleichgeschalteten Medien“, die etablierten Parteien, beklagen die „Gentrifizierung der Sprache“, warnen vor der „Frühsexualisierung von Kindern“ und besonders oft vor „kriminellen Zuwanderern“.

Letzte Woche war Frau Merkel in Köln, drei Tage lang. Sie hat viel geredet und wenig gesagt, auch übers Abendland. Zu den nationalistischen Protesten landauf, landab, zu den

Antiflüchtlingsdemos, kein Wort. Die rechte Konkurrenz der AFD wurde nicht mal erwähnt. Dabei hat es auch mit ihr und mit den letzten 20 Jahren Politik der Bundesregierung zu tun. Denn das ist der Grund der Auseinandersetzung, der Kern der Debatte und was diese Menschen nicht begreifen: Deutschland ist Einwanderungsland! Und das ist gut so!

Die Einwanderer helfen Deutschland, nicht nur finanziell. Erst kürzlich hat die Bertelsmannstiftung belegt: sie schaffen einen Überschuß in den Sozialkassen. Unter ihnen sind mehr Akademiker als in der Gesamtbevölkerung und die Betriebe können endlich wieder alle Lehrstellen besetzen.

Eine Gruppe dieser Einwanderer sind die Flüchtlinge. 207.000 von ihnen sind in diesem Jahr übers Mittelmeer nach Europa gekommen. Jeden Monat gibt es neue Zahlen und neue Rekorde an Flüchtlingen, Vertriebenen, Kriegsopfern. Auch an Toten. In diesem Jahr sind mehr als 3.400 Mensche bei der Flucht übers Mittelmehr ertrunken. Und wir stumpfen ab. Das ist kein Flüchtlingsrekord, sondern ein Rekord der Gleichgültigkeit.

Vielen erscheint das wie eine Naturkatastrophe, ist nicht zu verhindern? Dabei gibt es Wege, Not und Vertreibung zu bekämpfen. Einer war zB „mare nostrum“, die Rettungsaktion der italienischen Kriegsmarine nach der Katastrophe von Lampedusa. Das war „Abendland“ und dafür hätte die Italienische Kriegsmarine den Friedensnobelpreis verdient. „Mare nonstrum“ wurde auf Druck der EU eingestellt, auch auf Druck Deutschlands und unserer Regierung. Das ist das Todesurteil für 1000ende Bootflüchtlinge im Mittelmeer. Und wenn wir stolz den 25. Jahrestag des Mauerfalls feiern, werden doch zugleich neue Mauern an den Grenzen der EU errichtet.

Das alles sind Fakten und Themen, die diese Demonstranten am 26. Oktober nicht interessierten. Ihnen reichte der Ruf „Deutschland – Deutschland“. Ein Fakt aber, den sie nicht vergessen sollten: dieser Platz auf dem sie sich und wir heute versammelt haben, der Breslauer Platz, hieß nicht immer so. Weil ihre Väter und Großväter, natürlich auch unsere, aber ihre sind es geistig noch immer, weil diese 1939 Polen und Russland überfallen haben, weil sie den Krieg verloren haben, war auch Schlesien und die schlesische Hauptstadt verloren. Heute heißt sie Wroclaw und der Breslauer Platz fordert diese Erinnerung.

Wenn wir jetzt weiterziehen zur Turiner Straße, ist auch das ein geschichtsträchtiger Name. Turin war die erste Stadt nach dem Krieg die dem zerstörten Köln in einer Städtepartnerschaft die Hand reichte, eine Geste der Versöhnung auch nach Nationalsozialismus und Krieg.

Somit ein guter Weg vom Breslauer Platz zur Turiner Straße.

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3 Kommentare

  1. Gordon 20. Dezember 2014 at 03:21

    Tausende tumbe, aber fröhliche Jecke feiern Karneval im Dezember und lassen sich dabei vor den rot-rot-grünen Karren spannen, ohne es zu merken – nää, wat is dat schön – Kölle Alaaf!

  2. M. Backhaus 23. Dezember 2014 at 11:50

    An die Kölner „Promis“ und alle anderen in Köln: Wenn sich diese Redner auf die Bertelsmann-Stiftung berufen und sich noch gemeinsam mit Politikern zeigen und abbilden lassen – ja – am besten fand‘ ich das Selfie vun däm Niedecken 🙁 – dann:

    IST EUCH AUCH NICHT MEHR ZU HELFEN!!!!!

    Schöne Grüße aus der Pleitestadt Nr. 1 in NRW
    M.B.

  3. Yvonne Maaßen 23. Dezember 2014 at 19:07

    Die Parallele zu ’33 ist beängstigend, der „Rekord der Gleichgültigkeit“, von dem Die zu recht sprechen, erschreckend.

    Wie erreicht man Menschen, die sich stumm zusammenfinden und keinem Gespräch zugänglich sind?

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