Arsch huh, Zäng ussenander!

ARSCH HUH — ZÄNG USSENANDER! Das Konzert am 9.11.1992

von Walter Pütz

Ich werde den Augenblick so schnell nicht vergessen, in dem ich mich vom Fenster der Severinstorburg wegdrehte und die Enttäuschung auf den Gesichtern von Rolf Lammers und Anke Schweitzer sah. Es war 18.10 Uhr, und auf dem Chlodwigplatz tummelten sich erst ein paar hundert Schaulustige und warteten auf das, was wir uns als macht- und lustvolle Demonstration gegen Intoleranz und Rassismus ausgedacht hatten. Sollten wir uns so getäuscht haben?

Argumente wie „Die Leute haben Angst“, „Ist doch klar, nach gestern“, „Wenn es 5.000 werden, ist es auch gut“ machten die Runde, und in der nächsten halben Stunde vermied ich alle Fenster der Severinstorburg – , gerade so, als ob man die sich abzeichnende Pleite durch Ignorieren verhindern könnte.

Ich werde den Augenblick so schnell nicht vergessen, in dem Janus Fröhlich von den Höhnern sich vom Fenster wegdrehte und rief: >>Do drusse süht et uß, als ob d’r Zoch kütt«. Es war 18.50 Uhr, und auf der Severinsstraße drängten sich Tausende, um noch einen Platz auf dem Chlodwigplatz zu ergattern, der bereits jetzt aus den Nähten zu platzen drohte.

„Han ich doch immer jesaat“, „Unger 40.000 läuf he övverhaup nix“‚ so klangen jetzt die Aussagen im Raum, und die Müdigkeit von zehn Tagen Dauerstress (d. h. sieben Songs komponieren, texten, aufnehmen, Cover herstellen, CD pressen, anliefern, Bühne bauen, unzählige Interviews arrangieren und geben, etc. etc.) fiel von allen ab und wich wacher und gespannter Nervosität. Mein Partner Karl-Heinz und ich nahmen einen letzten Sorgenvergleich vor: Elke Heidenreich war da, Klaus Bednarz noch nicht, Jürgen Becker kann nicht vor 20.45 Uhr, Henning oder Kathrin müssen Willy Millowitsch rechtzeitig anrufen, und von Harry Alfter, dem Gitarristen von Brings, fehlt nach wie vor jede Spur. Zwischendurch Kontakt zur Polizei, die uns beruhigt: keinerlei Zwischenfälle. Als der WDR um 19.00 Uhr kurz live auf den Chlodwigplatz schaltet, erreicht die Nervosität ihren Höhepunkt.

Erschreckend kurz, bevor Karl-Heinz und ich zur Begrüßung die Bühne betreten, fällt uns auf, dass wir vergessen haben, jemanden zu bestimmen, der die Musiker jeweils rechtzeitig auf die Bühne bringt und dafür sorgt, dass keiner seinen Auftritt auf der Toilette verpasst. Der Sekunden später zwangsrekrutierte Dietmar Siegert, The Piano Has Been Drinkings guter Geist und Mädchen für alles, wird seine Arbeit im Verlauf des Abends perfekt erledigen. Noch ein kurzer Check mit den Kollegen von Hörfunk und Fernsehen, und dann beginnt ein Abend, wie er harmonischer und störungsfreier nicht vorstellbar ist. Auf der Bühne geht trotz schwierigster technischer Bedingungen für alle Künstler nichts, aber auch gar nichts schief. Die Polizei will einfach keine Störungen melden, alle Teilnehmer kommen wie durch ein Wunder pünktlich durch die Menschenmassen, die mittlerweile die Kölner Südstadt beherrschen, und dass die Kölner Verkehrsbetriebe Stillstand vermelden, na ja…

Um 19.24 Uhr springen Jürgen Zeltinger und seine Band auf die Bühne, frenetisch begrüßt. Nach „Müngersdorfer Stadion“ kommt „Candy“‚ ein Duett mit der Israelin Vered Harari‚ die im Anschluss noch ein eigens für diesen Abend komponiertes Lied alleine vorträgt. Es folgt ein überraschender Programmteil, der Auftritt der dunkelhäutigen kölschen Rapper 4 Reeves, unterstützt von Cool Muul, der dann noch ein eigenes Stück „Der dritte Schießbefehl“ beisteuert. Direkt im Anschluß spricht Klaus Bednarz überzeugende Worte. Mit „Nazis verpißt Euch, niemand vermißt Euch!“ trifft er die Stimmung der Zuschauer genau, um dann abzugeben an VIVA LA DIVA, die nach ihrem „Schön, Geil und Liebenswert“ mit „Bunte Mischung“ das erste Stück singen, das auch auf der Arsch Huh-CD zu finden ist.

Eine berührende Rede hält Elke Heidenreich. Sie appelliert an die Verantwortung der Politiker als auch an die des einzelnen Bürgers. Zum Schluß kündigt sie L.S.E. an, die mit „Für et Hätz un jäjen d’r Kopp“ furiose 15 Minuten einleiten und mit „Sein lassen“ und „Kopfe sneide“ die Südstadt ins Maracana-Stadion verwandeln. Jean Jülich, früher Edelweißpirat, heute Wirt, Burggraf und Schloßgespenst der Severinstorburg, ergreift nun das Mikrofon und erinnert an die Vergangenheit und seinen Widerstand als Jugendlicher. Es folgen Brings, die zunächst einmal ihren Vater Rolly bei „David“ begleiten. Unter dem Jubel der mittlerweile 90.000 geht es dann weiter mit „Nix för lau“, „Ali“ und natürlich „Kölle“, das beim Publikum eine minutenlange Fortsetzung findet.

Nach der Kölner Kabarettistin Samy Orfgen geht es weiter mit den Höhnern, die durch die Mitwirkung von Klaus von Wrochem (Klaus der Geiger) zeigen, wie breit in diesen Tagen die Front gegen Rechtsradikalismus, Ausländerhass und Intoleranz geworden ist. Im Umfeld der Rockmusiker bis dahin sicherlich nicht heimisch, haben sich die Höhner schon im Vorfeld der Veranstaltung durch ihre intensive Mitarbeit viele Freunde geschaffen. Neben „Echte Fründe“ und „2 Zimmer, Küche, Diele, Bad“ stellt die Band neugetextete Versionen von „Wann jeit d’r Himmel widder op?“ und „Ich bin ene kleine Mann“ vor, um dann Platz zu machen für den absoluten Höhepunkt des Abends.

Am Arm von Elke Heidenreich betritt Willy Millowitsch die Bühne. Minutenlange Ovationen und Sprechchöre lassen den Volksschauspieler und Ehrenbürger der Stadt Köln kaum zu Wort kommen. Stockend liest er einen Zuckmayer-Text, und noch bevor er sein „Ich bin ene kölsche Jung“ mit einem an dieser Stelle völlig passenden „Kölle Alaaf“ beschließt, übernimmt das Publikum die Initiative und lässt den Chlodwigplatz Kopf stehen, weil die kölsche Junge ja bekanntlich keinen „dran looße“.

Ohne Pause geht es weiter, und das Ensemble „Elvis, the legend“ kann sich bei seiner Interpretation von „In The Ghetto“ über einen vieltausendstimmigen Chor freuen. Da wir nicht erst seit dem Vortag (Großdemonstration in Berlin) wissen, daß jede Kundgebung die Rede eines Präsidenten braucht, betritt jetzt der Präsident der Stunksitzung die Bühne. Jürgen Becker skizziert die absurden Formen der Asyldiskussion in einem irrwitzigen Post-Sketch (D’r Breefkaste eß voll) und macht dann Platz für The Piano Has Been Drinking, die in „Saddamalaafi“ Wolfgang Niedeckens Blaumann aus „Arsch Huh — Zäng ussenander I“ zu Wort kommen lassen. Sie schildern eine Szene aus einer Kölner Kneipe, die an Fastelovend Besuch eines als Saddam Hussein verkleideten ostdeutschen Mitbürgers erhält. Nach „Daach sin ]uwele“ lässt Gerd Köster mit „En d ’r Nohbarschaf“ den Chlodwigplatz zum wiederholten Male an diesem Abend schunkeln.

Es ist dann Jean Pütz, der die Ansage für die Bläck Fööss übernimmt, die zu „Morje‚ Morje“ noch einmal Rolly Brings auf die Bühne bitten. Es geht weiter mit „Homeless“ von Ladysmith Black Mombaso, und als dann 100.000 Menschen „En unserem Veedel“ mitsingen, versagt Tommy Engel mehrfach die Stimme. Direkt im Anschluss daran gelingt es Anke Schweitzer und Rolf Lammers mit dem eindringlichen „Net met uns“‚ den Chlodwigplatz zum stillen Zuhören zu bringen. Nachdem Viktor Böll von der Böll-Stiftung mit leisen Worten an den Zusammenhang des Abends mit dem Lebenswerk von Heinrich Böll erinnert hat, spielen BAP zum ersten Mal seit acht Monaten wieder zusammen. „Jupp“, „Denn mir sinn widder wer“ und natürlich „Kristallnaach“ bilden den Abschluss der einzelnen Künstlerauftritte.

Wolfgang Niedecken leitet dann über zu „Arsch huh – Zäng ussenander I“, gespielt von Nick Nikitakis, dem Komponisten, sowie Charly Terstappen, Axel Büchel, Stephan Brings, gesungen von Gerd Köster, Wolfgang Niedecken‚ Peter Brings, Hennig Krautmacher‚ Tommy Engel, Anke Schweitzer, Jürgen Zeltinger, Marion Radtke und allen anderen Beteiligten. Es folgt „Arsch huh – Zäng ussenander II“, von und mit Arno Steffen, begleitet von Hans Bäär, Charly Terstappen, Ralf Engelbrecht, Helmut Krumminga, am Ende unterstützt von der gesamten AG ARSCH HUH. Einen ruhigen und wunderschönen Schlusspunkt setzt Triviatas, der erste Schwulenchor Kölns, mit Bertold Brechts Kinderhymne von 1949.

Beim Schlußwort von Tommy Engel, der sehr vorsichtig von ein „bisschen Stolz“ spricht, sind die Tränen in vielen Augenwinkeln nicht mehr zu übersehen.

Friedlich zerstreut sich die Menge von 100.000 Teilnehmern, nicht ohne den anliegenden Kneipen noch eine lange Nacht zu bescheren. Musiker, Aufbauhelfer‚ Roadies, Veranstalter und Anhang verziehen sich in die oberen Stockwerke der Severinstorburg, allerdings ohne groß zu feiern. Zu stark ist das körperlich spürbare Nachlassen der Anspannung der letzten Tage. Leise Töne herrschen vor, und die Atmosphäre ist geprägt von stiller Freude über das Gelingen der Veranstaltung bis hin zu Nachdenklichkeit. Die meisten verzichten auf „Siegesfeiern“ und machen sich schon früh auf den Heimweg.

Die Polizei meldete keinerlei Zwischenfälle, und die klammheimliche Freude über den völligen Zusammenbruch des Verkehrs in der Kölner Innenstadt sollte uns keiner verdenken. Es war ein bedeutender Abend für die Stadt Köln und ihre Bürger, ein Zeichen von Solidarität auf und vor der Bühne, ein Zeichen, das hoffentlich Ort und Datum überdauert.

Der Text ist dem Buch „Arsch huh – Zäng ussenander! Kölner gegen Rassismus und Neonazis“ entnommen, erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln, 1992, ISBN 3 462 02272 5.

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3 Kommentare

  1. manfred eupen 10. Juli 2012 at 17:19

    lieber walter,
    lese leider heute erst deinen text und habe gänsehaut.
    liebe grüße
    manni

  2. Christoph Unger 9. September 2012 at 11:21

    Hallo Walter,
    wir haben euch nicht mit Absicht so lange warten lassen, aber der Weg von Barbarossoplatz bis zum Clodwidplatz hat statt sonst 5 min. über eine Stunde gedauert, obwohl auch bewegt werdedie Straße mit benutzt wurde da sowieso kein Auto mehr n konnte.

    Das war das erste Konzert, bei dem von Zuckmeyers „2000 Jahre Tolleranz“ (W.Millowisch) bis zu Thommy’s Schlußwort alle um mich herum -mich natürlich eingeschlosseb – ständig Wasser in den Augen hatten. Um dann doch irendwie glücklich im gefühl nicht alleine zu sein nach Hause zu gehen .

    Bin 2012 auf jeden Fall wieder dabei

  3. Michael Kristan 9. Mai 2017 at 17:12

    Ich war 1992 da und auch 2012.
    Und ich habe das Gefühl es wird wieder mal Zeit.

    Lasst uns bitte nicht zu lange warten.

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