Arsch huh, Zäng ussenander!

Rede von Hermann Rheindorf, Sprecher der AG Arsch huh, Zäng ussenander zur Eröffnung der Kundgebung „Birlikte-Zusammenstehen“ am Montag, den 9.6.2014

Liebe Freunde,

wir freuen uns sehr, dass heute so viele gekommen sind, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen – für Birlikte, für Zusammenstehen. Herzlich Willkommen zur Kundgebung der Musiker-Initiative AG Arsch huh, Zäng ussenander.

Am 9. Juni 2004, um 15.50 Uhr, also jetzt auf die Minute genau vor 10 Jahren, explodierte dort drüben in der Keupstraße die Bombe. Wir sind heute hier, um mit den betroffenen Menschen in Solidarität zusammen zu stehen.Wir gedenken der Betroffenen hier in Mülheim und wir gedenken auch der Betroffenen eines weiteren Bombenanschlages, der im Jahr 2001 in der Kölner Innenstadt verübt wurde.Vor allem aber trauern wir um die Menschen, die bei 10 Mordanschlägen durch rechtsextreme Terroristen an anderen Orten in Deutschland zu Tode gekommen sind.

Liebe Freunde, hakt Euch ein, lasst uns zum Andenken an die Opfer für eine Minute schweigen. Dankeschön.

Ich zitiere aus internen Protokollen der Polizei. Schon sechs Tage nach dem Anschlag heißt es in dem Bericht des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen:

„Bei den Tätern handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Deutsche. Die Täter sind wahrscheinlich schon polizeilich in Erscheinung getreten, u. a. evtl. wegen fremdenfeindlicher Straftaten.“

Ein halbes Jahr später im Februar 2005 legt das Analyseteam des Bundeskriminalamtes einen Bericht vor, in dem es unter anderem heißt:

„Es sollten so viele türkische Personen wie möglich getroffen werden, ob diese Personen dabei verletzt oder getötet werden war den Tätern gleichgültig. Die Wirkungsweise des Tatmittels (also der Bombe) drückt eine hohe Menschenverachtung aus. Sieht man diese in direktem Zusammenhang mit der Auswahl des Anschlagsortes, der Keupstraße, als herausragendes Beispiel türkischer Kultur und Lebensart, so lässt dies einen ausgeprägten Hass auf die zum Zeitpunkt der Tat im Frisörsalon und auf der Straße aufhältigen (also befindlichen) Personen vermuten.“

Das Analyseteam des BKA kommt im weiteren Verlauf des Berichts zu dem verblüffenden Ergebnis, dass ein persönliches Motiv, möglicherweise Rache, am wahrscheinlichsten sei, während ein „politisches“ Motiv unwahrscheinlich sei, da sich ja niemand zu der Tat bekannt habe.

Die Einschätzung, diese Art von Bombardement habe etwas mit Schutzgelderpressung, mit Familienfehde oder dem türkisch/kurdischen Konflikt zu tun, bleibt die Hauptrichtung der Ermittlungen bis zur Einstellung der Suche im Jahr 2007. Liebe Freunde, wir liegen wohl richtig, wenn wir feststellen müssen, dass die Ermittler nicht nur auf dem rechten Auge blind waren, sondern wider besseren Wissens in die falsche Richtung ermittelten.

Unabhängig vom Ausgang des NSU-Prozesses in München ist unsere Lehre aus den Morden und Anschlägen, dass wir wachsam bleiben müssen und vor allem viel skeptischer gegenüber Erklärungen von Behörden und Politikern.

Als Künstlerinitiative AG Arsch huh, Zäng ussenander verstehen wir uns als Teil der gesellschaftlichen Opposition in dieser Stadt und im gesamten Rheinland. Wir wären Nichts ohne die vielen Initiativen, die zum Teil seit Jahrzehnten gegen Rassismus und Neonazis, für interkulturellen Dialog, in Flüchtlingsprojekten und mit vielen anderen Aktivitäten für die Verbesserung des Zusammenhalts arbeiten. Viele von Euch sind heute hier, Danke für eure Arbeit, die nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Aber seien wir ehrlich: Waren wir nicht allzu leichtfertig, den offiziellen Verlautbarungen zu glauben? Und wo blieb unser Aufschrei, als klar wurde, was es mit den Morden und Anschlägen wirklich auf sich hatte? Es lag wohl auch daran, dass die Mehrheitsgesellschaft immer noch einen allzu großen Abstand zum Beispiel zur türkischen Community hat, also eine Lücke klafft. „Die Lücke“ ist auch der Titel des am Samstag hier in Mülheim uraufgeführten Theaterstücks, mit dem unser Birlikte-Wochenende begonnen hat.

Gestern, hat sich dass Keupstraßen-Viertel auf großartige und herzliche Weise für ein Kunst und Kulturfest geöffnet und Zehntausende Menschen waren hier. Wir wünschen uns, dass diese beiden Tage vielen Menschen in Erinnerung bleiben als ein Wochenende, an dem diese Lücke kleiner geworden ist. Dabei wissen wir: Wir fangen nicht bei Null an. Es gibt bereits ein Wir-Gefühl auf das wir aufbauen können. Dafür stehen wir, für Vielfalt – für mehr Zusammenhalt und für eine solidarische Stadtgesellschaft.

Wir fordern die Stadt Köln deshalb auf dem zunehmenden Auseinanderdriften von armen und wohlhabenden Stadtvierteln aktiv entgegen zu wirken, und fordern den Erhalt von wichtigen Integrationsprojekten sowie von Jugend- und Bürgerzentren. Von Bund und Ländern fordern wir eine humane Flüchtlingspolitik, also den aktiven Schutz von Flüchtlingen und keine weitere Verschärfung des ohnehin bereits ausgehöhlten Asylrechts im Grundgesetz.

Liebe Freunde, wir betrachten es als besondere Wertschätzung für die Arbeit all dieser Initiativen, auch und vor allem für die, die von rassistischer Gewalt betroffen sind, dass der Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland unserer Einladung nach Köln gefolgt ist. Ich heiße Sie, Herr Bundespräsident gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Daniela Schadt in unserer Mitte willkommen. Hier ist Bundespräsident Joachim Gauck.

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